Bellilein

Oblomow, Dienstag, 22. Januar 2019, 10:17 (vor 28 Tagen) @ Final Cut

Seien Sie herzlich gegrüßt, Genosse Cut, wie schön, dass Sie Ihren Winterschlaf unterbrachen.

Mein Versäumnis zum Jahreswechsel möchte ich heilen:

Euch Allen ein Frohes und Gesundes Neues Jahr !!

( Meine literarische Freundin, sie war fast 40 Jahre älter als ich, legte mir oft ein von ihr gerade gelesenes Buch auf meinen Briefkasten. Ein kleiner Zettel lag gewöhnlich darin: " Das müssen Sie lesen". Wenn ich sie am nächsten Tag zufällig beim Hunde Spaziergang traf, fragte sie mich sogleich: "Und, wie hat's Ihnen gefallen?"
Wenn im Märzen der Bauer die Pferde anspannt, ................ ein zarter Frühlingswind wehte, traf ich diese Nachbarin am Tor. Sie sagte, wie in jedem Frühling mehrmals seufzend:
"Ach, Herr Oblomow, dass wir das noch einmal erleben dürfen: .......... Es wird Frühling!"
Die Betonung lag auf "Wir". Und oft genug dachte ich bei mir, sie hielt mich für ungefähr gleichaltrig.
Frau R. überlebte ihren 100. Geburtstag nur um wenige Tage. Wunschgemäß begrub man sie anonym in einem Friedwald.
Mit dem Alter kommt die Melancholie ( und sie verlässt einen nicht mehr ).


Machen Sie sich einen gemütlichen Wintertag, werter Final!
Erinnern Sie noch die Eiseskälte Mitte der 1950er Jahre. In Börlinn waren die Kohlen ausgegangen, dann wurden nicht einmal die Schulen beliefert, wir Schüler wurden nach Hause geschickt. Dort waren sogar die Doppelfenster innen und außen gefroren.
Zum Glück hatte man bei uns einen Kachelofen im Wohnzimmer stehen lassen, als die Zentralheizung drei, vier Jahre zuvor eingebaut wurde. Aber auch diese wurde mit Koks geheizt, und Koks war ebenso vergriffen wie andere Festbrennstoffe. Möglicherweise gab es einen Zusammenhang mit der Blockade 48/49; jedenfalls wurden zur Verschärfung der Krise (?) Güterwaggons u.a. in Helmstedt an der Weiterfahrt nach Berlin tagelang aufgehalten. Nachträgliche Schikane ........ oder Gleis-Probleme, immer noch marode kaum 10 Jahre nach dem Krieg. Außerdem gab es wegen der Reparationslieferungen nach Russland fast keine mehrspurigen Strecken, so dass der Gegenzug immer abgewartet werden musste, bis dieser ein Ausweichgleis an einem Bahnhof erhielt.
Wir verfeuerten in dem Kachelofen so ziemlich alles, was hölzern war und nicht mehr benötigt wurde. Jeden Tag wurde die Auswahl schwieriger. Wovon trennt man sich? Die schöne uralte Gartenbank aus Eichenholz musste daran glauben, vom Dachboden holten wir die defekten Stühle, die eigentlich hätten repariert werden sollen, nachdem der jugendliche Köter Stuhlbeine rundherum angefressen hatte, oder die sich im Laufe der Jahre entleimt hatten, nun "locker" waren.
Man kommt gegen die Kälte nicht an, wenn das Haus erst einmal bei Außentemperaturen zwischen minus 10 und minus 20° ausgekühlt ist.
Wir schoben im notdürftig beheizten Wohnzimmer die Sessel gegeneinander, ein Federbett als Unterlagelage, dann saß man sich mit ausgestreckten Beinen gegenüber, darauf kam noch ein dickes Bett zuzüglich Wolldecke, obenauf der Köter, dessen Gewicht die Betten komprimierte und dadurch einwenig Wärme spendete. Dann nach 20 Minuten sprang wieder einer aus dem konstruierten Sitzbett um nachzusehen, ob der Ziegelstein in der kleinen Backröhre des Kachelofens inzwischen verwertbare Temperaturen angenommen hatte. War dem so, wurde er vorsichtig in dicke Zeitungen eingewickelt und ins Sitzbett gelegt. Im TV liefen alte russische Märchen, das "Feuerzeug" oder Frau Holle oder die Feuerzangenbowle.

Als die Schule wieder mit Koks beliefert wurde ( wir hörten es im RIAS ), glaubten wir, uns in der Schule erholen zu können. Dem war nicht so, denn natürlich wollte der Hausmeister das kostbare Heizgut sorgfältig aufteilen. Keiner wußte, wann die nächste Lieferung die Schule erreichen würde. Wir saßen in der Schulbank und hatten vielleicht 10 oder 12 Grad. Schon im Jahr davor lernten wir im Unterricht, dass eine kleine Zwischeneiszeit bereits vor Jahren zu erwarten war. Diese Zwischeneiszeit könne 10, 100 oder 500 Jahre dauern. Klar war allen, dass wir harten Zeiten entgegen gehen würden, denn die Kälte würde natürlich auch Auswirkungen auf die Ernte haben.
( In Ostberlin gab's immer noch Bezugsscheine für wichtige Versorgungswaren wie zB Kartoffeln und Kohlen. Leider konnten in diesen Zeiten nicht die Mengen geliefert werden, die die zugeteilten "Marken" versprachen.) Wir im Westen vermissten eine solche Zuteilung. Sie hätte uns vor dem Erfrieren bewahrt. ;-)
Nach drei Wochen des Frierens verkündete mein alter Herr: Morgen gibt's Koks, allerdings die großen Stücke, die sich in so einer kleinen Anlage schwer zu entflammen sind. Brauchen also eine höhere Temperatur, um anzubrennen. Allerdings kommt die Lieferung sehr früh vor Sonnenaufgang. Allerdings wird er sehr in Eile sein und kann deshalb die Kohlen nicht in Säcken in den Keller tragen. Dauert zu lange. Ist auch diesmal nicht in Säcken, sondern wird an den Strassenrand geschüttet. Meine Mutter schaute ihn kritisch an. Dann sagte mein Vater: Ist allerdings nur çirca eine halbe Tonne ( = 500 KG ), kostet aber das dreifache.
Meine Mutter war vorerst beruhigt, als mein Vater kleinlaut äußerte, es gäbe sowas ähnliches wie eine Rechnung. Er zog das Abrissblatt eines kleinen Blocks aus der Tasche, darauf stand: Lieferung von 500 KG Schüttware, Brech 1, am 20.Januar. Darunter eine unleserlich Unterschrift. Um 4.30 h hörten wir den Vorkriegs-LKW schnaufen, als die Ladefläche straßenseitig nach oben ging. Wir schnappten Eimer und Schippen und trugen die Brocken in den sicheren Keller. Bald hatte sich trotz der eisigen Kälte eine Schlange hilfsbereiter Nachbarn gebildet. Der einbeinige Kriegsversehrte Kommunisten-Schulz stand nah bei meinem Vater und flüsterte ihm was zu. Währenddessen zeigte er mit einer Krücke in Richtung Koks. Dann schrie er laut zu seinem ça. 16 jährigen Sohn: " Hans hol die Kartoffelwaage, aber zak-zak!" Hans rannte los, die Nachbarn hatten sich auf 6/8 "Wehrtüchtige" eingependelt. Einer schlug jetzt halblaut vor, vielleicht könne man sich 10 Eimer Kohlen leihen und in vier Wochen die gleiche Menge zurückgeben. Optimisten, als wäre in vier Wochen Kohlen verfügbar und der Winter vorbei. Mein Vater wandte noch ein, die großen Brocken seien für Kachelöfen oder Badeöfen nicht geeignet. Egal. Hans kam mit dem Monstrum Kartoffelwaage auf der Schulter angerannt. Stellte sie krachend ab, richtete sie ein. Ein anderer Nachbar wollte helfen, schickte nach Säcken. Der Kriegsversehrte, er muss Offizier in seinem früheren Leben gewesen sein, gab kund: "Die Säcke sind morsch, wir befüllen sie nur mit 50 Pfund ( =25 kg). Wenn 14 Säcke ( =350 kg ) im Keller sind, wiegen wir den Rest ab und verteilen die Kohlen gerecht auf die Träger.
"Hans kann's auch alleine machen, aber so geht's schneller!" Alle stimmten zu und so sah man wuselnd wie Ameisen die fleißigen Helfer ihre Arbeit verrichten.


Als ich vor zehn Jahren hier im Norden mich auf die Vogelzählung vorbereiten wollte, fand ich in der öffentlichen Bücherei eine Kladde, in der die beobachteten Vogelarten in den Nachkriegsjahren bis ungefähr 1960 vermerkt waren. Hiernach war es damals hinsichtlich Arten vielfältiger und "natürlich" auch zahlreicher. In der ausführlichen Einleitung las ich, dass Mitte der 1950er Jahre zweimal mehr als 100 Frosttage registriert wurden. Ergo 100 Tage lang ( mehr als ein Vierteljahr ) Frosttage. Hintereinander, ohne Unterbrechung. ( Und das obwohl wir hier in Küstennähe einen sehr späten Winteranfang haben. Die Nordsee kühlt nur langsam ab.
Tja, in der Erinnerung waren die 1950er sehr kalt. Mitte der 1960er gab es dafür sehr warme Sommer.
War's das nun hinsichtlich Zwischeneiszeit?

Genosse Cut, genießen Sie den Winter, der Sommer wird schröcklich (schrecklich) heiß.
Und denken Sie an meine literarische Freundin ( Frau R. ) und ihren hoffnungsvollen Spruch, "dass wir das noch erleben dürfen".
Herzliche Grüße auch an die Kritikerin und Madame Cut
Ihr Oblomow


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